Euskirchen – Dass der Bürgermeister ihm persönlich die Hand geschüttelt hat – einfach so: Für Muhammad Rezail (22) ist das noch immer kaum zu glauben. „Herr Reichelt hat auf einem normalen Stuhl gesessen, genau wie wir. Und er war auch ganz normal angezogen. Nicht mal Bodyguards hatte er dabei!“
In seiner Heimat Afghanistan sei so etwas undenkbar, sagt der ehemalige Medizinstudent, der erst seit 14 Monaten in Deutschland lebt. Politiker, Polizisten, Mitarbeiter des Gerichts: „Solche Leute darf man dort als Bürger nicht einfach ansprechen, dafür wird man bestraft.“ Kein Wunder, dass Muhammad Rezail vor dem Treffen mit dem Euskirchener Bürgermeister ordentlich Bammel hatte. Überwunden hat der junge Geflüchtete sich aber dennoch, denn: „Ich möchte alles über Deutschland lernen!“
Gemeinsame Feier im Café Henry
Demokratie lernt man nicht allein aus Büchern. Man muss sie sehen, hören, hinterfragen und erleben. Damit das gelingt, gibt es das Projekt „Komm mit – Demokratie zum Anfassen“, das die Integrationsagentur und die Servicestelle Antidiskriminierungsarbeit des DRK Euskirchen in diesem Jahr zum zweiten Mal im Auftrag der Stadt Euskirchen durchgeführt hat. Die Ergebnisse (und Erlebnisse) wurden jetzt bei einer Feier im Café Henry der Öffentlichkeit präsentiert. Wie schon im letzten Jahr waren die Wände auch diesmal wieder gespickt mit bunten Fotos, die die Geschichten eines spannenden Halbjahrs erzählten. Mit sehenswertem Ergebnis: Aus den Händen der stellvertretenden Bürgermeisterin Sandra Eisermann erhielten die dreißig Teilnehmenden ihre Zertifikate. Stolz und strahlend hielten die neu zugewanderten Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Teilnehmer-Urkunden in die Höhe. Das meist gehörte Wort an diesem Nachmittag – eindeutig: „Danke!“
Besuch beim Amtsgericht und im NRW-Landtag
Zwar war der Projekt-Zeitraum mit sechs Monaten diesmal kompakter als im Vorjahr angesetzt, doch das Programm, das vom NRW-Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration im Rahmen des Landesprogramms „Teilhabe, Demokratiebildung und Extremismusprävention für junge Geflüchtete“ gefördert wird, war nicht minder intensiv: Die Teilnehmenden begaben sich auf eine ebenso vielseitige wie nachdenkliche Reise an zentrale Orte unserer demokratischen Gesellschaft: Rathaus, Kreishaus, Landtag, Amtsgericht und Polizei. Auch mehrere Exkursionen zu verschiedensten Bildungsorten standen auf dem Programm, wie zum Beispiel ins Haus der Geschichte in Bonn, zur NS-Dokumentationsstelle in Köln, zum Rotkreuzmuseum auf Vogelsang oder zum ehemaligen Ausweichsitz der Landesregierung in Urft. Nach anfänglicher Scheu seien die Gäste überall rasch ins Gespräch gekommen, hätten interessante Fragen gehabt, an Politiker, Polizeibeamte, Schöffen und Museumsmitarbeiter.
Neugier, Fragen und ein besonderer Wunsch
Thomas Weber, der die spannenden Inhalte vonseiten der DRK-Integrationsagentur gemeinsam mit Boris Brandhoff und mit Judith Raß von der DRK-Servicestelle für Antidiskriminierungsarbeit erarbeitet hat, ist dankbar, dass das Projekt aufs Neue so gut angenommen wurde. „Viele junge Menschen im Alter von sechs bis 27 Jahren waren fast immer dabei.“ Aus ganz unterschiedlichen Lebensrealitäten seien sie zusammengekommen. „Ein bisschen wie bei einer Pfadfindergruppe“. Was alle verband? – „Neugier, Fragen und der Wunsch, besser zu verstehen, wie Demokratie funktioniert und was sie im Alltag bedeutet.“
So wie Mustafa Muradi (33) aus Afghanistan, den der Besuch im NS-Dokumentationszentrum in Köln nachhaltig beeindruckt hat. „Ich konnte nicht mehr sprechen, als ich die Bilder von gefolterten Menschen gesehen habe“, erklärt der junge Mann, der von einer Ausbildung zum Elektroniker träumt. „Es hat mich sehr an meine Heimat erinnert.“
Sorge vor dem Besuch bei der deutschen Polizei
„Schicksal verbindet“, weiß Mounir Alfatwa, der das Projekt seitens DRK Euskirchen erneut mit viel Herzblut geleitet und betreut hat. Alfatwa fungiert nicht nur als Übersetzer ins Arabische. Auch sonst „übersetzt“ der DRK-Mitarbeiter so einiges. In der kleinen Gemeinschaft, die sich aus dem Projekt entwickelt hat, wird er für diesen persönlichen Einsatz extrem geschätzt. Wie weit dieser manchmal geht, sieht man an folgendem Beispiel: Als der Besuch der Polizeiwache anstand, musste Alfatwa ordentlich Überzeugungsarbeit leisten, damit aus drei Anmeldungen am Ende noch 27 wurden. „Die Leute hatten Angst. Viele musste ich mehrmals anrufen, bis sie mir geglaubt haben, dass sie auf der Wache nicht plötzlich verhaftet werden.“
Fragen stellen, Position beziehen, Perspektiven wechseln
Intensiv begleitet wurde das Projekt von der Stadt Euskirchen, die bewusst Raum für Diskussionen ließ, wie beim Besuch im Rathaus und im NRW-Landtag. Es wurde gefragt, widersprochen und zugehört. Immer wieder ging es auch darum, eigene Erfahrungen einzuordnen und unterschiedliche Perspektiven auszuhalten. – Eine Kernkompetenz demokratischen Zusammenlebens. „Demokratie bedeutet nicht, immer einer Meinung zu sein, sondern respektvoll miteinander umzugehen“, fasst Judith Raß von der DRK-Antidiskriminierungsstelle zusammen.
Denn, wie die stellvertretende Bürgermeisterin Sandra Eisermann äußerst treffend formulierte: „Wir erwarten nicht, dass die Menschen, die hierherkommen, sich verbiegen oder ihre Identität aufgeben. Aber wir wünschen uns sehr, dass sie mit uns gemeinsam zu einer Gemeinschaft werden.“
Erfahrungen, die für immer bleiben
Auch in seiner verkürzten Laufzeit zeigte das Demokratie-Projekt: Politische Bildung lebt von Nähe, Dialog und echten Erfahrungen. Wie Thomas Weber sagt: „Wir machen hier keine Bespaßung. Das hat alles einen tieferen Sinn.“ Den neuen Förderantrag für ein Folgeprojekt hat die Stadt Euskirchen bereits gestellt. „Wir hoffen, dass er bewilligt wird. Damit dieses tolle und sinnvolle Projekt in die nächste Runde gehen kann.“ Gute Ideen dafür hat man bei der DRK-Integrationsagentur und Servicestelle Antidiskriminierungsarbeit auf jeden Fall genug.
pp/Agentur ProfiPress





