Euskirchen – Wie funktioniert Demokratie im Alltag? Wer sorgt für Sicherheit? Welche Traditionen prägen eine Stadt und was haben sie mit Gemeinschaft, Ehrenamt und Zusammenhalt zu tun? Mit solchen Fragen beschäftigt sich das Projekt „Komm mit: Demokratie zum Anfassen“, das der DRK-Kreisverband Euskirchen im Auftrag der Stadt Euskirchen durchführt.
Das Angebot richtet sich an junge Menschen mit Zuwanderungsgeschichte im Alter von neun bis 27 Jahren. Ziel ist es, Demokratie nicht nur theoretisch zu erklären, sondern erlebbar zu machen. Zum Beispiel durch Gespräche, Workshops, Gruppentreffen, Exkursionen und ein Demokratie-Spiel. Dabei sollen Teilnehmerinnen und Teilnehmer Vertrauen in staatliche und gesellschaftliche Institutionen entwickeln, ihre eigenen Beteiligungsmöglichkeiten kennenlernen und sich als Teil der Gesellschaft fühlen.
Durchgeführt wird das Projekt durch das Team Migration / Integration des DRK-Kreisverbands Euskirchen. Verantwortlich sind Mounir Alfatwa und Angelika Eimermacher. Ansprechpartnerinnen bei der Stadt sind Frau Bürling und Frau Koleilat.
Polizei zum Anfassen
Ein besonderer Schwerpunkt lag zuletzt auf der Begegnung mit der Polizei. Zunächst traf sich die Gruppe im DRK-Mehrgenerationenhaus mit Polizeibeamtin Heike Schüler. Die jungen Menschen nutzten die Gelegenheit, viele Fragen zu stellen: Wie sieht der Alltag bei der Polizei aus? Welche Aufgaben gehören zum Beruf? Oder: Welche Wege gibt es, selbst Polizistin oder Polizist zu werden?
Beim anschließenden Besuch bei der Kreispolizeibehörde konnten die Eindrücke aus dem Gespräch direkt vertieft werden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten Einblicke in Polizeiwagen und Ausrüstung und erlebten die Polizei nicht nur als abstrakte Behörde, sondern als ansprechbare Institution mit Menschen dahinter.
Gerade dieser persönliche Kontakt ist für das Projekt besonders wichtig. Er kann Vorbehalte abbauen und Vertrauen schaffen. Auch die Vielfalt innerhalb der Polizei spielte dabei eine Rolle: unterschiedliche Lebensgeschichten, sprachliche Fähigkeiten und kulturelle Hintergründe zeigen, dass staatliche Institutionen die Gesellschaft widerspiegeln, für die sie arbeiten.
„Viele unserer Teilnehmenden haben sehr unterschiedliche Erfahrungen mit staatlichen Institutionen gemacht. Umso wichtiger ist es, Polizei nicht nur als Behörde kennenzulernen, sondern mit den Menschen dahinter ins Gespräch zu kommen“, erklärt Projektmitarbeiter Mounir Alfatwa.
Schützenfest als Begegnungsort
Nur wenige Tage später führte „Komm mit“ die Gruppe zum Schützenfest in Euskirchen. Dort ging es um eine andere, ebenfalls wichtige Seite gesellschaftlichen Lebens: Tradition, Ehrenamt und lokale Gemeinschaft.
Im Gespräch mit Präsident Sebastian Kürschgen erfuhren die jungen Menschen mehr über die Geschichte des Schützenwesens. Ursprünglich entstanden aus Bürgerwehren, übernahmen Schützen früher auch Schutzaufgaben. Heute liegen Sicherheit und Ordnung selbstverständlich bei staatlichen Institutionen wie der Polizei. Die historische Verbindung zwischen Bürgerengagement, Gemeinschaft und öffentlicher Verantwortung stieß bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf großes Interesse.
„Spannend war für viele, dass der Besuch des Schützenfestes direkt an die vorherige Exkursion zur Polizei angeknüpft hat. So konnten die Teilnehmenden erleben, wie sich Verantwortung für Gemeinschaft und Sicherheit im Laufe der Geschichte verändert hat“, sagt Angelika Eimermacher vom DRK-Kreisverband Euskirchen.
Für viele Teilnehmende war es der erste Besuch eines Schützenfestes. Entsprechend groß war das Interesse an den unterschiedlichen Trachten, Uniformen und Traditionen. Immer wieder entstanden Gespräche über die Bedeutung von Kleidung, Zugehörigkeit und Identität sowie darüber, welche Rolle Vereine und Ehrenamt für das gesellschaftliche Leben spielen.
Besonders schön war für die Gruppe das Wiedersehen mit Polizeibeamtin Heike Schüler. Nur wenige Tage zuvor hatten die Teilnehmenden sie bei Workshop und Behördenbesuch kennengelernt. Die erneute Begegnung mitten auf dem Festplatz zeigte auf ganz praktische Weise, wie eng staatliche Institutionen und gesellschaftliches Leben vor Ort miteinander verbunden sind.
Auch der Euskirchener Bürgermeister Sacha Reichelt nahm sich Zeit für einen Austausch mit den jungen Menschen. Die Stadt Euskirchen ist Auftraggeberin des Projekts und begleitet dessen Entwicklung von Beginn an. Umso größer war die Freude über die persönliche Begegnung. Diese soll nicht die letzte bleiben: Bereits geplant ist ein Besuch der Gruppe im neu gebauten Euskirchener Rathaus. Dort erhalten die Teilnehmenden Einblicke in die Arbeit der Stadtverwaltung und haben Gelegenheit, mit Bürgermeister Reichelt erneut ins Gespräch zu kommen.
Lernen an historischen und politischen Orten
Die Begegnungen mit Polizei und Schützenverein stehen beispielhaft für den Ansatz des Projekts. Demokratie soll nicht nur im Seminarraum stattfinden, sondern dort erfahrbar werden, wo Gesellschaft gestaltet wird: in Behörden, Vereinen, Museen, Gedenkstätten und im öffentlichen Raum. „Demokratie lernt man nicht allein aus Büchern. Man versteht sie vor allem durch Begegnungen, durch Fragen und dadurch, dass man erlebt, wie Gesellschaft vor Ort funktioniert“, betont Mounir Alfatwa.
Bereits besucht wurden unter anderem das Haus der Geschichte in Bonn, die NS-Dokumentationsstätte in Köln mit dem ehemaligen Gestapogefängnis, das Rautenstrauch-Joest-Museum sowie die Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus in Rhöndorf. Regelmäßige Gruppentreffen und ein Demokratiespiel ergänzen die Exkursionen. Dabei werden Themen wie Menschenrechte, Geschichte, Verantwortung und gesellschaftliche Teilhabe altersgerecht und praxisnah vermittelt.
Weitere Stationen des Projekts führen unter anderem zum Rotkreuz-Museum für Menschenrechte und humanitäres Völkerrecht in Vogelsang IP, zur ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang, zur Dokumentationsstätte des ehemaligen Ausweichsitzes der Landesregierung Nordrhein-Westfalen sowie in den Landtag NRW.
Darüber hinaus werden die Teilnehmenden den Landtag NRW besuchen, eine Gerichtsverhandlung am Amtsgericht Euskirchen erleben und weitere Gespräche mit kommunalen Entscheidungsträgern führen. Zu den nächsten Höhepunkten gehören außerdem der Besuch des neu errichteten Euskirchener Rathauses mit Bürgermeister Sacha Reichelt sowie ein Austausch mit Landrat Markus Ramers.
Für Angelika Eimermacher liegt genau darin die Stärke des Projekts: „Ob Rathaus, Polizei, Museum, Schützenfest oder Landtag: Unser Ziel ist es, jungen Menschen zu zeigen, dass sie Teil unserer Gesellschaft sind und dass ihre Perspektiven wichtig sind.“
Aktuelle Termine für Gruppentreffen, Workshops und das Demokratiespiel werden kurzfristig über die Social-Media-Kanäle und die Projektseite des DRK-Kreisverbands Euskirchen unter www.drk-eu.de/komm-mit bekanntgegeben. Das Projekt „Komm mit: Demokratie zum Anfassen“ wird im Rahmen des Landesprogramms „Teilhabe, Demokratiebildung und Extremismusprävention für junge Geflüchtete“ aus Mitteln des Ministeriums für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert.
pp/Agentur Profipress


